Manchmal frage ich mich echt, wie viele Pädagogen das Konzept der Risikogesellschaft von Ulrich Beck in ihre Argumentationen aufnehmen -Im Zuge der Risikogesellschaft hat die Erziehung einenbesonderen Stellenwert- ohne zu hinterfragen, was das überhaupt bedeutet und ob das überhaupt eine ernstzunehmende Zeitdiagnose ist.

Ich würde sagen: NEIN! Unsere Gesellschaft ist nicht einer Reihe von unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt, sondern sie produziert die Risiken nach mehr oder weniger bewusstem Kalkül. Entweder als versicherungsstrategische Berechnung -Kategorisieren von Risikopopulationen- oder als Methode um Angst unter der Bevölkerung zu schüren -Das Risiko eines Verbrechens lauert an jeder Ecke-.

Ich will nicht bestreiten, dass es Risiken gibt. Aber ich bezweifle, dass das Konstrukt einer Risikogesellschaft die gesellschaftlichen Umbrüche adäquat beschreiben kann.

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sophistokles (Gast) meinte am 31. Aug, 13:00:
Hallo,

bin leider lange nicht mehr hier zum Lesen gewesen.

Beck unterscheidet in seinem Buch bei Risiken jeglicher Art hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Wirkung in zwei Gruppen: schichtspezifische und schichtenunspezifische Risiken. "Arbeitslosigkeit ist hierarchisch, Smog demokratisch", so eine lakonische Feststellung.

Dass Risiken, die die wirtschaftliche Existenz von Menschen berühren, EIngang in die Pädagogik finden sollen, ist eigentlich verständlich. Es gint nämlich schon eine Hartz-IV-Schule, wo ein Lehrer seine Schüler darauf vorbereitet, was sie im Leben als Hartz-IV-Empfänger alles erwartet. Daher muss sich Pädagogik schon auch damit befassen, wie die Zukunft ihrer Zöglinge aussieht und darf m. E. nicht nur politisch sein, sondern muss es auch. Es kann nicht sein, dass man hier alles dem „Markt“ überlässt und Staat und Erziehung nur zuschaut und die Betroffenen sich selbst überlässt. Aber das ist meine persönliche Meinung als ehemaliger Pädagoge.

"Ich würde sagen: NEIN! Unsere Gesellschaft ist nicht einer Reihe von unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt, sondern sie produziert die Risiken nach mehr oder weniger bewusstem Kalkül."

Also da möchte ich differenzieren. Nicht alle Risiken werden von der Gesellschaft produziert. Und nicht alle werden (ein-)kalkuliert. Es gibt sogenannte primäre Fundamentalrisiken wie Naturkatastrophen, die man nicht einkalkulieren kann im Sinne von: man entscheidet, ob man das Risiko eingeht oder nicht“. Das Risko ist einfach da und unausweichlich. Man kann diese Risiken höchstens kalkulieren, aber nicht einkalkulieren. Somit wird eine begriffliche Unterscheidung notwendig.

Wie ist „kalkulierbar“ Deinem Zitat zu vestehen?
1. „damit rechnen, dass es eintritt“ oder „in Kauf nehmen“ in Verbindung mit einer Wahrscheinlichkeit, oder
2. „rational einschätzbar“, d.h. im Falle eines Schadeneintritts betriebswirtschaftlich bewertbar, im Sinne von kaptalisierbar?

Und welbst wenn wir diese haarspalterische Unterscheidung machen, werden Risiken oft weder einkalkuliert noch kalkuliert.

Versicherungen arbeiten mit dem Begriff wie unter 2. verwendet. Führt ein Risiko im maximalen Schadensfall zu zu hohen Schadenszahlungen, die so hohe Prämien erforderlich machten, die niemand zu zahlen bereit ist, wird eine Versicherung für das Risikos nicht zustandekommen. In der Regel wird der potentielle Risikoschaffende seine beabsichtigten Unternehmung unterlassen. Am Beispiel der Atomkraft – keine Versicherung hat bisher ein AKW versichert – kann man aber sehen, dass Risiken, die zu konzentriert und zu total in ihren direkten Folgen sind, nicht versichert werden, die Menschheit das Risiko aber trotzdem eingeht. Die Kosten im Falle eines Gaus sind nicht „kalkulierbar“, also nicht bezifferbar, und entgegen dieser rationalen Entscheidungsgrundlage wird mit ein Risiko durchaus einkalkuliert, das man gar nicht kalkulieren kann. Hier sind es dann wirtschaftliche Interessen einiger weniger, die einen notwenigen demokratischen Gesprächs- und Entscheidungsprozess verhindern. Das Kalkül ist durchaus bewusst, wird aber umso bewusster verdrängt, was hochgradig irrational ist. Es wird also gerne ein Risiko in Kauf genommen, was man aus ethischen und anderen Gründen nicht eingehen dürfte. Risiken werden einkalkuliert, obwohl aus dem Ergebnis des Kalulierens sie nicht einkalkuliert werden sollten oder dürften. Man kalkuliert höchstens das schlechte Gewissen gegenüber der Gesellschaft mit ein.

Risiken werden von Entscheidungsträgern (Politik, Industrie) in vielen Fällen sehr wohl nicht nur „nicht kalkuliert“, sondern auch „nicht einkalkuliert“, weil sie zeitlich, geografisch, gsellschaftlich verschoben werden können oder einfach verschoben werden; sie sind dann Nebenprodukte des Profits und werden bewusst in Kauf genommen, weil „den Schaden ein anderer hat“. Kalkuliert werden sie erst dann, wenn sie einen direkt selbst in unmittelbarer Zeit betreffen – so z.B. wird eine Industrieversicherung für ein Transportunternehmen für einen Gefahrenguttransport von München nach Hamburg von einem Versicherungsunternehmen sehr genau geprüft. Wenn etwas passiert, ist die Ladung verloren, und dies wird versichert, plus „Kolateralschäden“ wie die Beseitigung und die Entwertung des betroffenen Grund/Bodens. Dass ein Tanker vor der afrikanischen Küste untergeht und ein ökologisches Desaster hinterlässt, das wird vom der Ölgesellschaft oder dem Reeder nicht miteinkalkuliert. Wer bezahlt das massenweise Sterben der vielen Tiere? An wen? Aufgrund welcher kapitalisierten Basis? Wieviel ist ein Robbenleben „wert“?

Zur Zeit der Industriellen Revolution dachte niemand daran, dass diese langfristige Entwicklung einmal zu hohen Umweltbelastungen und zu einem Klimawandel führen könnte. Risiken sind oft sehr schwer voraussehbar, und wenn man sie sieht, macht man gerne die Augen zu, oder sie entziehen sich der wissenschaftlichen Mess- und Wahrnehmbarkeit. Es gibt bei Ursache-Wirkungs-Ketten noch immer viel Ungewissheit, je länger die zeitliche Spanne zwischen Ursache und Folge ist bzw. je höher der Komplexitätsgrad der Mischung aus vielen Ursachen und Symptomen ist. Die Beziehungen können multibel sein.

Ich habe von Hans Saner ("Macht und Ohnmacht der Symbole") einen Aufsatz gelesen, der sich mit dem Thema beschäftigt: "Formen des Risikos". Saner sagt, am Anfang der menschlichen Geschichte waren es sogenannte Primärrisiken, die direkt die conditio humana des Menschen in seinem status naturalis betrafen. Wilde Tiere, Kälte. Hunger. Aufgrund seiner Kulturtechniken hat er es geschafft, diese Primärrisiken zu beseitigen oder stark einzudämmen, mit Waffen, Feuer, Vorratshaltung, Kultivierung von Böden und Wildpflanzen, ... um nur mal ein paar Beispiele zu bringen. Technik ist nichts eigentlich anderes als die Umwandlung von Primärrisiken in: Sekundärrisiken/Tertiärrisiken, sog. "man-made Risiken". Risiken zu beseitigen bedeutet, neue Risiken zu schaffen.

In dem Moment, wo an einer Risikobeseitigung gearbeitet wird, werden (nicht von denselben Personen/Interessenten, wohlgemerkt) Folgerisiken in aller Regel nicht bedacht oder gesehen. Zum anderen ist es so, dass sich mit dem Erreichen eines bestimmten technischen Fortschritts und einer hohen Weltbevölkerungsdichte Risiken sich bei der Art und Weise, wie sie sich ausbreiten, anders verhalten: läuft ein einziges Mal am Hochrhein ein Fass mit einer chemischen Substanz aus, verseucht das die ersten 100 km sehr schwer und zerstört oder beeinträchtigt massiv die Flussökologie. Die chemische Substanz wird aber auf immer mehr Wasser verteilt, und im Ozean ist sie dermassen verdünnt, dass nur ein Homöopath noch eine Wirkung feststellen dürfte. Dieses Prinzip nennt man Streuung oder Diversifikation. Überträgt man dies auf 1000 weitere chemische Substanzen, ist für jede singuläre Substanz dasselbe zu beobachten. In der Summe jedoch verhalten sie sich in dem ökologischen System nach dem Prinzip der Akkumulation oder Anhäufung: in einem Kubikmeter Wasser ist nicht nur ein Mikrogramm von Substanz A, sondern auch von Substanz B und C vorhanden. Das Zusammenspiel der Substanzen kann wiederum zu weiteren nicht bekannten Wirkungsweisen auf Organismen führen. Die Nahrungskette oder Pyramide führt dazu, dass Umweltgifte kumuliert werden. Bei Umweltbeinträchtigungen ist daher die Frage naheliegend: Wann kippt das System Ökologie, d.h. wann überlagtert das Prinzip der Akkumulation dasjenige der Streuung im globalen Masstab, und zwar unumkehrbar?

Der Fehler, den die Risikoeinschätzung macht, ist derjenige, dass jeder Risikoschaffende nur sein singuläres Risiko bewertet, aber nicht die Summierung und das Zusammenspiel mit anderen diversifizierten Teilrisiken. Somit ist das Zaheln von Steuern aus risikotechnischer Sicht anders zu bewerten: wer Risiken produziert oder zu deen produktion beiträgt, muss eine allg. Abgabe zahlen, für den Fall, das irgendwann einmal ein Schaden messbar und bewertbar ist. Könnte man dies seriös bewerten, würde die westliche Makrtwirtschaft zusammenbrechen, weil sie ein einziges Minusgeschäft wäre. Was würde es kosten, die Welt wieder in einen Zustand zu versetzen, in dem sie sich befand, bevor der moderne Mensch sie veränderte?

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