Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro bezieht sich in seinem Artikel explizit auf Foucaults Konzept der Heterotopie, das dieser im Zusammenhang mit dem Begriff der Utopie konzipiert. So sei die Heterotopie eine verwirklichte Utopie.
Es gibt gleichfalls – und das wohl in jeder Kultur, in jeder Zivilisation – wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtungen der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.
( FOUCAULT, MICHEL (1999b): Andere Räume. In: Engelmann, Jan (Hg.):Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader. Diskurs und Medien. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. S.149)

Heterotopien stehen für »Orte der Andersheit« innerhalb des eigentlichen Gesellschaftsraums und sind zum Teil als Gegenbilder zur Gesellschaft zu verstehen. Foucault selbst nennt verschiedene Formen von Heterotopien, wie zum Beispiel: Kliniken, Gefängnisse, Museen, Kolonien oder Friedhöfe (vgl. ebd. S. 150 ff.).

Innerhalb der Governmentality Studies wird dieser Begriff nur begrenzt rezitiert. Susanne Krasmann und Henning Schmidt-Semisch greifen das Konzept aus kriminologischer Perspektive auf. »Orte der Andersheit« werden hier als neue Inklusions- bzw. Exklusionsmechanismen aufgedeckt. Der öffentliche Raum wird aus dieser Perspektive durch marginalisierte Randgruppen »belästigt« bzw. das ordnungspolitische Bild vom öffentlich zugänglichen Raum ist durch sie gefährdet.

Wenn es eine Belästigung des öffentlichen Raum durch drogenkonsumierende Personen gibt und wenn es sich gleichzeitig als unrealistisch erwiesen hat, Heroinkonsum in nennenswertem Maße zu verhindern, dann besteht eine gleichermaßen Erfolg versprechende wie ökonomische Maßnahme darin, einen bestimmten Teil des Raums abzutrennen, ihn als »Ort der Andersheit« zu deklarieren, das belästigende Verhalten an diesem Ort zu konzentrieren und damit die Abweichung gleichsam »kontrolliert« zu neutralisieren. (SCHMIDT-SEMISCH, HENNING (2000): Selber schuld. Skizzen versicherungs-mathematischer Gerechtigkeit. In: Lemke, Thomas et al (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 181)
Die Ausschließung bzw. Zusammenschließung in bestimmten Räumen führt zur Etablierung von Orten der Risikogleichheit, die als »integrierende Exklusionstechnologien« bestimmte Formen von Communities begründen .
Heterotopien, die sich nun auf die räumliche Verwaltung von Risikogruppen beziehen, verweisen auf die Eigenschaft der Sichtbarkeit.
Die Gesundheit ist das sichtbare Zeichen einer guten Lebensführung. Krankheit ist das sichtbare Zeichen für den falschen Gebrauch des eigenen Lebens .
Der Täter wird in der Kriminologie seiner Biographie beraubt, um aus den Bündeln sichtbaren Verhaltens einen »Tätertypen« zu kategorisieren.

Indem bestimmte Risikoprofile in dafür vorgesehenen Räumen zusammengeschlossen werden, verliert die Öffentlichkeit diese sowie deren Kontrolleure, aus dem Blickfeld und wiegt sich in vermeintlicher - zumindest sichtbarer - Sicherheit.

Nebenbei verschwindet mit dem sichtbaren Problem auch seine Kontrolle von der Straße, und im Zweifel bedeutet das für die auf diese Art Kontrollierten, dass ihre Existenz teilweise sogar ignoriert werden kann, wenn die entsprechenden Unsichtbarkeitsbedingungen geschaffen werden. (ebd. S. 181)

Gerade diese Sichtbarkeitsorientierung verschärft die Hinwendung zu Fitnessmaximen, die im Neoliberalismus als Neuauflage sozialdarwinistischer Tendenzen operieren. Survival of the fittest wird durch Mechanismen der Konkurrenz, die generell als leistungssteigernd gelten verfestigt. Survival of the fittest ist per se ein produktiver Prozess, da Lebewesen sich für die Sicherung ihres Überlebens aktiv fit halten müssen.

Die Konsequenz für die Disziplin der Erziehungswissenschaft ist nun, dass ihr sowie der Erwachsenen- und Weiterbildung - stark vereinfacht ausgedrückt - die Aufgabe zukommt, kompetente Einzelkämpfer zu trainieren. Diese müssen sich durch Employability auf dem Markt behaupten können und benötigen eher den Erwerb von kurzfristig verwertbaren Kompetenzen, als starre (Aus)Bildungsprozesse.

Zertifizierungsstrategien und aus der Industrie übernommene Qualitätsmanagement-systemen illustrieren den Zusammenhang von Sichtbarkeit und Sozialdarwinismus auf der Ebene von kollektiven Subjekten. Von sichtbaren Zeichen der Qualität - den Zertifikaten - erhoffen sich Weiterbildungsanbieter, Marktanteile sichern zu können. Diese müssen aktives Management betreiben, müssen fit sein, um in der konkurrierende Wettbewerbssituation zu bestehen.

 

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